Tagungen > Tagungsausschreibung

07.04.2011

CfP: "Bruch - Schnitt - Riss" Deutungspotenziale von Trennungsmetaphorik

  • Ort: Warburg-Haus Hamburg
  • Beginn: 01.07.11
  • Ende: 03.07.11
  • Disziplinen: Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft, Medien-/Kulturwissenschaft, Weitere Teilbereiche
  • Sprachen: Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Spanisch, Weitere romanische Sprachen, Sprachenübergreifend
  • Frist: 30.04.11

Interdisziplinäre Tagung der Studienstiftung des deutschen Volkes

 

Täglich hören, lesen und sprechen wir von Ereignissen, die Trennungen hervorrufen, Verluste oder Grenzen aufzeigen. Unseren Sprachgebrauch reflektieren wir dabei nur selten, geht es doch wesentlich darum, eine möglichst große Menge an Informationen in kurzer Zeit zu bewältigen. Was gibt es aber zu entdecken, wenn ein näherer Blick darauf geworfen wird, wie „Brüche, Schnitte, Risse“ in unserer Alltagssprache semantisiert sind, wie omnipräsent sie in kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten in Erscheinung treten?

 

Obama scheut radikalen BRUCH mit Bushs Erbe (Spiegel Online, 17.04.2009)

Staatsfinanzen. Von tiefen SCHNITTEN (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2009)

Islam-Aussagen: „Papst näht den RISS wieder zu“ (Stern, 25.09.2006)

 

Durch ihre hohe Frequenz scheinen sie zu erstarrten Metaphern geworden zu sein, deren Wirkpotenzial abgenutzt, verbraucht und unspektakulär anmutet. So schön, so gut: Ein Knochen kann brechen, eine politische Koalition eben auch. Ob nun ein Stück Papier oder ein Liebespaar auseinandergerissen wird, scheint ebenso wenig erstaunlich wie der Fakt, dass ein Halsabschneider zumeist nicht wegen Mordes verurteilt und ein Film vor der Veröffentlichung geschnitten wird. Zahlreiche Komposita und Phrasen können im Deutschen (sowie auch in anderen Ausgangssprachen) gefunden werden, die ein Panorama vom hiesigen Trennungsvokabular ergeben. Diesen Wortfeldern, welche zumeist unbewusst einen Großteil unserer Kommunikation durchziehen, soll im Rahmen der Tagung neue Aufmerksamkeit zuteil werden.

 

Die ausgeprägte Präsenz und Virulenz der Metaphern „Bruch“, „Schnitt“ und „Riss“ beschränkt sich dabei nicht auf Deutungen des politischen Tagesgeschehens durch Medien und Alltagssprache. Bereits ein erster Blick auf Theologie und Philosophie, Literatur und Geschichte offenbart einen ebenso vielfältigen wie markanten Gebrauch derselben: An Jean-Paul Sartres Rede vom „Riss“ bzw. „Hiatus im Sein“ ist hier ebenso zu denken wie an den Gebrauch aller drei Metaphern in Paul Ricœurs „Die Fehlbarkeit des Menschen“, und für eine Dialektische Theologie in der Tradition von Karl Barth erscheinen die Sprachbilder nicht weniger unhintergehbar als für verschiedene Ausprägungen protestantischer Hamartiologie.

 

Auch in anderen systematisch-theologischen Topoi (neben der Sündenlehre) ist die Metaphorik von Relevanz. So liegt etwa die Frage nahe, inwiefern „Erlösung“ eine Überwindung von Trennung impliziert. Aber selbst wenn, mit Luther gesprochen, der „gerechtfertigte Mensch“ als „simul iustus et peccator“ zu beschreiben und das Deutungspotenzial der Trennungsmetaphorik demzufolge auch soteriologisch in Anschlag zu bringen ist: Muss diese These nicht im Angesicht eschatologischer Perspektiven letztendlich doch modifiziert werden? Präferiert die Theologie also subtil eine Metaphorik der Vereinigung und nicht der Trennung und erklärt dies vielleicht das Desiderat hinreichender Reflexionen der im Fokus stehenden Metaphern? Ein Blick in die Theologiegeschichte indiziert, dass diese These allein zu kurz greift: Die altkirchlichen Streitigkeiten um Trinität und Christologie spiegeln ein hartnäckiges theologisches Ringen um die Verhältnisbestimmung von Einheit und Differenz(ierung) wider und manifestieren in ihren dogmengeschichtlichen Ergebnissen die Notwendigkeit, Differenz zu denken. Exegetische Studien zum Alten und Neuen Testament bestätigen diese Beobachtung, indem sie aufzeigen, dass und inwiefern sich biblische Texte in ihrer literarischen Vielfalt die Deutungspotenziale von Trennungsmetaphorik zu eigen machen und Erfahrungen von Trennung facettenreich ins Bild setzen (vgl. etwa Mk 15,38; Joh 16,5–15; Ps 13,1; Ps 22,2f.14–16).

 

In der Literatur finden sich bereits in antiken Mythen Notizen darüber, dass menschliche Wesen zur Strafe von wilden Tieren zerrissen werden. Etwa der gewaltsame Mythos von Philomele, die erst vergewaltigt und danach durch das Abschneiden der Zunge ihrer Kommunikationsfähigkeit beraubt wird, ist in diesem Kontext zu nennen. Motive des „Bruches, Schnittes und Risses“ erscheinen bis zum heutigen Tage in zahlreichen literarischen und geschichtswissenschaftlichen Texten, wie prominent im Bereich der Urbanitätsforschung beim Topos der geteilten Stadt. Als Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit kann Berlin gelten – eine Stadt deren historische Gebrochenheit in zeitgenössischen Romanen nicht selten mit den Lebenssituationen von gebrochenen Figuren parallelisiert wird. Solche und ähnliche urbane Reflexionen kennen Metaphern von Zerteilung und Versehrtheit in Parallele zum menschlichen Körper. So beginnt etwa Richard Sennett sein Standardwerk „Flesh and Stone“ mit einem Gleichnis über seinen Bekannten, dem eine Hand nach dem Kriegseinsatz in Vietnam amputiert, d.h. abgeschnitten werden musste und den die Menschen nunmehr als verwundeten Außenseiter meiden.

 

Diese allgegenwärtige Ausgrenzung von versehrten Personen oder Entitäten kann bei der Tagung als weiteres kulturelles Phänomen in den Blick genommen werden: Das Phantasma der westlichen Kultursphäre, Integrität und Ganzheit als Ideale zu setzen, ist ein vielversprechendes Untersuchungsgebiet, um die abgrenzenden (dort eindeutig negativ konnotierten) Metaphern von „Brüchen, Rissen und Schnitten“ zu reflektieren. Wenn das Zerstückelte oder bereits das ehemals Defekte, was eine Reparatur erhielt, minderwertiger erscheint als die Idealsetzungen von Reinheit oder Jugend, dann hat dies gesellschaftliche und denkgeschichtliche Auswirkungen: So werden „Risse“ oder „Brüche“ in der Biographie eines Menschen ambivalent eingeschätzt, können zu pauschalem Ablehnungsverhalten und weiterführender Ausgrenzung führen.

 

Gerade angesichts dieser starken, facettenreichen Präsenz der Metaphorik in den genannten Diskursen und Disziplinen, verwundert es, dass ihre hinreichende wissenschaftliche Reflexion bisher ausgeblieben ist. Weder besteht Klarheit über Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Hinblick auf die Bedeutungsspektren der drei Metaphern „Bruch“, „Schnitt“ und „Riss“ noch erfolgte bisher eine differenzierte Analyse ihres (jeweiligen) Gebrauchs. Aus diesem Grund ist es Ziel der Tagung, die Verwendung und das Deutungspotenzial von Trennungsmetaphorik in den verschiedenen Disziplinen ebenso kritisch wie konstruktiv zu reflektieren.

 

Die Veranstaltung gliedert sich in vier interdisziplinär konzipierte Sektionen:

o Sektion I: Metapherntheoretische Reflexion

Hauptvortrag: Prof. Dr. Michael Moxter (Ev. Theologie, Universität Hamburg)

o Sektion II: Ästhetische Strategien

Hauptvortrag: Prof. Dr. Philipp Stoellger (Ev. Theologie, Universität Rostock)

o Sektion III: Kulturelle Phänomene, Poetiken der (Zer-)Teilung

Hauptvortrag: Prof. Dr. Doerte Bischoff (Germanistik, Universität Hamburg)

Subsektion: Mediale Verarbeitungsformen von Trennungsmetaphorik: Film und öffentliches Rahmenprogramm: „Literarischer Abend“

o Sektion IV: Gesellschaftliche Prozesse

Hauptvortrag: Prof. Dr. Lucian Hölscher (Geschichte, Ruhr-Universität Bochum)

o Öffentlicher Abendvortrag am 02.07.:

Prof. em. Dr. Bernhard Waldenfels (Philosophie, Ruhr-Universität Bochum)

 

In jeder Sektion folgen auf die Hauptsprecher/innen weitere Vorträge (20 min Vortragszeit, 10 min Diskussion). Gerade auch Nachwuchswissenschaftler/innen sind herzlich zu Beiträgen eingeladen. Die Arbeitssprache der Tagung ist deutsch, englische Einreichungen sind ebenfalls möglich. Eine anschließende Publikation der Vorträge im Rahmen eines Sammelbandes ist vorgesehen.

 

Aufgrund des interdisziplinären Charakters der Tagung sind Einsendungen aus allen geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen willkommen, insbesondere Beiträge aus der Theologie und Philosophie, Literatur-, Theater- und Filmwissenschaft sowie der Kunstgeschichte, Geschichtswissenschaft oder Soziologie.

 

Abstracts im Umfang von max. 500 Wörtern sind inklusive kurzem Lebenslauf bis zum 30.04.2011 zu senden an: bruch.schnitt.riss@web.de

 

Zusätzlich zum wissenschaftsbasierten Tagungsprogramm ist für Samstag, den 02.07., ein „Literarischer Abend“ im Warburg-Haus geplant, bei welchem die Möglichkeit gegeben wird, eigene literarische und essayistische Texte zu „Brüchen, Schnitten, Rissen“ als Leseinszenierungen zu präsentieren. Vorschläge und Ideen hierfür können ebenfalls bis zum 30.04.2011 per Email bei bruch.schnitt.riss@web.de angemeldet werden, auch unabhängig von einem eingesandten Abstract.

 

Wissenschaftliche Leitung und Organisation der Tagung im Förderungsrahmen von „Stipendiaten machen Programm“:

Nina Heinsohn (Ev. Theologie, Universität Hamburg),

Katharina Kim Wolff (Germanistik, Universität Hamburg),

Anita Krätzner (Geschichtswissenschaft, Universität Rostock).

Für Rückfragen stehen wir gerne zur Verfügung!

Von:  Katharina Kim Wolff via H-Germanistik

Publiziert von: Christof Schöch